Alphaville-Sänger Marian Gold: „West-Berlin bestand aus kaputten Existenzen“ (2024)

Unweit eines Sees im Südwesten Berlins bewohnt Marian Gold zwei Etagen einer schnieken Villa. Auf einem Klingelschild steht Golds Geburtsname: Schierbaum. Auf der anderen: Gold. Beruhigt nun Schierbaum oder Gold seine zwei kläffenden Hunde, als er uns die Haustür öffnet? Im Wohnzimmer jedenfalls schmiegen sich „Perry Rhodan“-Bände an „Don Quijote“. An der Wand hängt ein Selbstporträt von Frida Kahlo, an der Decke ein Kronleuchter. Auf dem Muster der roten Tischdecke hüpfen Zebras, Gazellen und Geparden.

Herr Gold, waren Sie wirklich obdachlos, als Sie nach Berlin kamen?

Ich flog vorzeitig aus der Bundeswehr, weil ich mich mit einem Vorgesetzten geprügelt hatte. Ich hab in Hannover völlig ohne Plan den Zug nach Warschau genommen. Damals durch die DDR, über West-Berlin. Ich war sehr naiv. Ich hatte keine Papiere, um in den Ostblock zu reisen. Das war ja damals noch im Kalten Krieg, 1976. In West-Berlin musste ich also raus, stand am Zoo mit meinem Seesack. Das war der Anfang meiner Odyssee durch West-Berlin. Das ging ein paar Monate lang. Da hab ich in besetzten Häusern gewohnt. Das fing damals gerade an.

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Nun wohnen Sie in einer schicken Villa im Südwesten von Berlin. Was ist da passiert?

Ja, eine ganze Menge. So viel Schwein kann man gar nicht haben! Ich kenne viele Kollegen, vielleicht noch talentierter als ich, die keinen Erfolg haben. Das ist nicht gerecht. Ich bin nach wie vor Fan von Musik, von anderen Künstlern, gerade im Independent-Bereich. Ich höre viel auf Bandcamp, um mitzukriegen, was in den wirklich wichtigen Szenen abgeht. Nicht dieser Hitparaden-Krempel, der von der Industrie kontrolliert wird. Im deutschen HipHop erscheint jede Woche Zeug nach derselben Schablone. Motto: „Man muss nur viel Scheiße an die Wand schmeißen – irgendwas bleibt kleben.“ Das ist musikalisch Schema F. Und textlich finde ich das nur in wenigen Ausnahmen interessant.

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Wann wurde Ihnen damals klar, dass „Big In Japan“ und „Forever Young“ Welthits werden würden?

Das wurde uns erst klar, als „Big In Japan“ Nummer 1 wurde. Wir hatten nie in diese Richtung spekuliert. Es bot sich auf einmal die Möglichkeit, dass wir Musik machen – wovon wir vorher nur geträumt hatten. Davor waren wir kleine Jungs, die vor ihrer Stereoanlage träumten. Und dann gab es plötzlich diese kleinen Kisten, die gar nicht mal so viel Geld kosteten: kleine Sequenzerchen, kleine Rhythmus-Maschinchen. Wir haben in Melodien gedacht. Dann haben wir versucht, die Akkorde dafür zu finden auf einem abgewrackten Klavier. Bernd hatte dann eine geniale Idee: Unser Roland-100M, ein Modular-Synthie, hatte zwei Oszillatoren. Und wir hatten eine Bassline, auf die wir total abfuhren. Bernd hat die beiden Oszillatoren so gegeneinander verstimmt, dass eine Quinte entstand. Dadurch klang der Bass viel voller, fast wie eine Akkordlinie. Auf diese Weise ist „Big In Japan“ entstanden. Auch als Reminiszenz an West-Berlin. Wir waren damals nach Münster gezogen. Aber wir hatten alle Heimweh nach West-Berlin.

Zur Person

Marian Gold, Jahrgang 1954, gründete 1983 mit Bernd Lloyd und Frank Mertens die Synth-Pop-Band Alphaville, die zwischen West-Berlin und dem Rheinland hin- und herpendelte. Ihre größten Hits hatten sie 1984 mit „Big In Japan“ und „Forever Young“.

„Die Junkie-Szene in West-Berlin war legendär“

Wie war damals die Stimmung in West-Berlin?

Es war in erster Linie ein sehr unerfreulicher Ort. Eine Stadt, die eingekesselt war von Stacheldraht, Minenfeldern und Selbstschussanlagen. Wer versucht hat rüberzukommen, wurde erschossen. Die West-Berliner Bevölkerung bestand aus alten Menschen, türkischen Gastarbeitern und Studenten. Und aus Leuten, die irgendwie untertauchen, sich verstecken wollten vor ihrem Leben oder zumindest vor ihrer Vergangenheit. Es war ein ziemlicher Bodensatz von angeschlagenen und kaputten Existenzen.

Musik sei für die Traurigen, singen Sie in „Forever Young“.

Ja, genau! Und dann kam noch die politische Situation dazu. Du warst in dieser Stadt praktisch gefangen. Wenn du nach West-Berlin kamst, war das so, als ob du hinter dir eine Tür zuknallst. Alles, was vorher passiert war, blieb draußen. Du konntest da noch mal von vorne anfangen. Oder du konntest sehr angenehm versacken, bis du abgekratzt bist. Die Junkie-Szene in West-Berlin war legendär. Und sehr groß.

Noch mal zurück zum Chart-Erfolg. Den konnten Sie nicht ahnen. Aber dass es in beiden Fällen ganz großartige Melodien sind – das müssen Sie doch vorab gemerkt haben!

Wir haben eigentlich nur großartige Melodien geschrieben. Wir sind eine extrem melodiebasierte Band, egal, ob sowas grad angesagt ist oder nicht. Bei „Forever Young“ gibt es diesen wahnsinnig schnellen Trompetensatz am Schluss, der bei fast allen Coverversionen weggelassen wird. Auf solche Ideen kommst du nur, wenn du völlig angstfrei bist. Mit Barock-Trompeten wie in einem Bach-Konzert kann man doch nicht die Charts stürmen! Wir schon.

Alphaville-Sänger Marian Gold: „West-Berlin bestand aus kaputten Existenzen“ (3)

An seinem Wohnzimmertisch: Marian Gold von AlphavilleEmmanuele Contini

Waren Sie dabei, als Beyoncé und Jay-Z „Forever Young“ 2018 im Olympiastadion coverten?

Ich war nicht dabei, weil wir zu dem Zeitpunkt selbst wegen Konzerten unterwegs waren. Ich weiß aber, was für eine riesengroße Wirkung dieser Song hat, egal wo du den spielst und unter welchen Umständen. Aber wenn wir das damals geahnt hätten, welche Bedeutung dieser Song erlangen würde, hätten wir es sicher verbockt. Das hätte uns zu nervös gemacht. Das Ding ist so groß wie „Yesterday“. Das kennt vielleicht ein Viertel der Menschheit. Vollkommen irre.

Gibt es Coverversionen von „Forever Young“, die Sie besonders gerne mögen?

Wenn Beyoncé diesen Song singt – und sie singt ihn ja ziemlich original –, ist das großartig. Die schönste Frau der Welt mit ihrer wundervollen Stimme singt unser Lied. Das höre ich mir sehr gern an. Es gibt von „Forever Young“ aber nicht besonders viele Coverversionen, die ich für gelungen halte.

Was machen die anderen falsch?Ich glaub, es ist einfach schwierig, weil das Lied in der originalen Version schon so viele mögliche Varianten mit einschließt. Von „Big In Japan“ dagegen gibt es unzählige tolle Coverversionen. In allen möglichen Spielarten: als Ballade, als Up-Tempo-Nummer, als Punk-Song.

Sie waren ja sehr jung, als Sie den Song schrieben. Kommen Ihnen selbst die Tränen, wenn Sie ihn nun spielen? Darüber, wie rasch die Zeit vergangen ist?

Das Magische an dem Song ist, dass er zu jeder Situation eine elementare Aussage machen kann: Die Leute hören das bei Hochzeiten, Begräbnissen, Geburtstagen. In all diesen widersprüchlichen Situationen berührt das Lied die Menschen. Ich kann nicht sagen, warum das so ist. Wir haben zu dieser speziellen Eigenschaft bewusst nichts beigetragen. Es ist einfach so, dass dieser Song es aus sich heraus kann. Wenn wir ihn selbst spielen, kommt es sehr auf die Situation an. Es gibt traurige Anlässe wie zurzeit: Europa befindet sich im Krieg mit Russland. Wir alle befinden uns in diesem Krieg. Und in der Ukraine werden Frauen und Kinder hingeschlachtet von diesem Mistkerl namens Wladimir Putin. „Forever Young“hat auch dazu etwas zu sagen, zu Krieg, zum Tod. Es ist zwar nicht so, dass ich weinend auf der Bühne zusammenbreche – aber traurig werde ich schon, wenn ich den Song in einer solchen Zeit singe.

„Im Kalten Krieg haben wir Party gemacht“

Apropos Krieg: Ihre größten Hits sind ja während des Kalten Krieges entstanden. Da gab es auch diese atomare Bedrohung.

Und trotzdem waren die 80er bis jetzt die letzte glückliche Periode der westlichen Welt. Es gab zwar auch damals Konflikte und grausame Kriege. Aber in Europa herrschte Frieden. Die Dinge waren einfach, dualistisch, alles war zweigeteilt: Es gab Kapitalismus und Kommunismus. Und zwischen den beiden Supermächten hing der Eiserne Vorhang. Es war alles total übersichtlich und vorhersehbar. Die Angst vorm Atomkrieg war da, aber das war so, als ob du im Kino sitzt und dich vor dem Geschehen auf der Leinwand fürchtest. Das hatte was Cinemascopisches. In Wirklichkeit haben wir alle Party gemacht und uns merkwürdige Klamotten angezogen, komische Frisuren getragen. Seitdem gab es keine so sorglose Zeit mehr. Seitdem ist es immer grauer geworden.

Seit 1990?

Das Ende der 80er-Jahre war 1986. Im April, als die Kernschmelze in Tschernobyl passiert ist. Da endete all das, was die 80er-Jahre ausgemacht hat, weil das zuvor Fiktive auf einmal Wirklichkeit wurde. An welche Songs der 80er-Jahre erinnern Sie sich? Ich wette, die meisten davon wurden zwischen 1982 und 1986 veröffentlicht. Das danach gehört nicht mehr richtig dazu.

Und dennoch: Wir haben wieder eine atomare Bedrohung.

Die Kriege sind asymmetrisch geworden. Vieles kracht über uns zusammen. Viele alte Wahrheiten, an die wir lange geglaubt haben, fallen weg: Es ist total verwirrend. So viele Umbrüche! Das erzeugt eine wahnsinnige Unsicherheit. Und immer, wenn die Leute Angst kriegen, sind die Nazis wieder da. Dann ist die Demokratie den Leuten nicht mehr so wichtig, sondern dass wir einen Anführer haben, dem alle Blöden hinterherrennen. Demokratie ist ein sehr komplexes Gebilde. Mit solchen Situationen fertig zu werden – das ist schwierig in einer Demokratie. In einer Diktatur – siehe China – ist das viel einfacher.

Alphaville-Sänger Marian Gold: „West-Berlin bestand aus kaputten Existenzen“ (4)

Marian Gold posiert vor seiner Wohnzimmer-KommodeEmmanuele Contini

Die Gefahr eines Atomschlags kam Ihnen damals wie etwas Surreales aus dem Kino vor. Und jetzt wirkt das konkreter?

Natürlich. Putin ist verrückt. Er begeht ein großes Menschheitsverbrechen. Russland darf nicht gewinnen. Wir sind alle betroffen. Das hat unser lieber Bundeskanzler aber leider noch nicht begriffen. So ein Trauerspiel mit diesem Typen! Wir müssen alles tun, um die Ukraine zu bewaffnen, wenn wir schon nicht selbst kämpfen wollen. Sonst werden noch viel mehr Menschen sterben müssen in einem endlosen Gemetzel.

Darüber könnten wir sicher noch Stunden sprechen. Aber noch mal zur Musik: Sie haben die Songs von 1982 bis 1986 angesprochen. Einer davon ist „Running Up That Hill“ (1985) von Kate Bush. Der Song ging kürzlich auf die 1 in den Charts, in vielen Ländern.

Wegen „Stranger Things“. Sehr unterhaltsame Serie.

„Die 80er sind ein Lebensgefühl“

Hätten Sie auch gerne einen Song in „Stranger Things“? Würde doch passen in diese Serie, die den Spirit der 80er feiert.

Ja, aber das ist eine amerikanische Produktion, und Alphaville hat in Amerika nicht diese Bedeutung wie Kate Bush oder andere Leute aus dieser Zeit. Toll fänd ich’s schon! Aber wir rennen keinen Serienproduzenten hinterher, um sie von „Forever Young“ zu überzeugen.

Aber krass, dass die 80er wieder so sehr da sind.

Ich werde schon seit Anfang der 90er gefragt, wie ich zum 80er-Jahre-Revival stehe. Aber es ist kein Revival. Die 80er sind eine konstante Größe, ein Lebensgefühl. Musikalisch fast schon eine Stilrichtung, wie Reggae, Gothic oder Schlager.

Ein Teil des Charmes der frühen Alphaville-Stücke beruht auch darauf, dass Sie die auf diesen relativ billigen Maschinen machten, oder?

Das ist ein ganz, ganz wichtiger Punkt. Nach unseren ersten beiden Singles eröffneten sich uns produktionstechnisch unzählige neue Möglichkeiten. Auf einmal besaßen wir einen Jupiter-8-Synthesizer und diese ganzen tollen Spielzeuge! Es hat uns nicht geschadet. Aber es hat unsere Musik auch nicht unbedingt besser gemacht. Diese extreme Beschränkung davor hatte dazu geführt, dass wir wahnsinnig kreativ in Produktionssessions reingegangen sind. Man sollte mit ganz einfachen Mitteln anfangen. Wenn ein Stück dann nicht wirkt, kann man es in die Tonne treten. Manchmal fummeln wir an einer Idee ein halbes Jahr lang rum. Dabei hätte man schon nach drei, vier Tagen merken können: Es hat keinen Sinn, aber diese unendlichen technischen Möglichkeiten verführen einen dazu. Manchmal veröffentlichen wir sogar solche dummen Stücke.

Oha!

Ja, das passiert. Du verrennst dich. Du steigerst dich da rein. Du hast ja so viel Arbeit investiert: jede einzelne Kante poliert und jede Ecke rundgeschliffen.

Und nun haben Sie eine Orchesterplatte gemacht. Alphaville mit dem Filmorchester Babelsberg. Klingt nach dem Gegenteil von Beschränkung. Maximales Budget und Möglichkeiten.

Ja, das stimmt. Aber das ist was ganz anderes. Ein Orchester ist meiner bescheidenen Meinung nach das großartigste Musikinstrument, das es gibt in diesem Universum. Ein Orchester steht perfekt für das, was Musik überhaupt ist: Kommunikation zwischen ganz vielen unterschiedlichen Stimmen und Stimmungen. Unser Song „Fools“ zum Beispiel, der nur aus vier Akkorden besteht, benötigt in einem symphonischen Arrangement für jedes Orchester-Instrument eine eigene Melodie-Linie. Daraus entstehen ganz wunderbare zusätzliche Harmonien. Das ist der Urgedanke von Musik. Eine Zusammenkunft verschiedener Seelen, Stimmen, die die Musik vereint und erhöht.

„Orchester-Alben machen viele, wenn ihnen nix Besseres mehr einfällt“

Also waren Sie gar nicht skeptisch, ein Orchester-Album aufzunehmen? Irgendwann machen das ja viele. Wenn sie es sich leisten können.

Deswegen hing der Gedanke immer über uns wie ein Damokles-Schwert: Das ist ja keine ganz neue Idee, sowas haben schon viele vor uns gemacht. Oft, wenn ihnen nix Besseres mehr einfällt. Unsere Idee war aber nicht, dass wir uns als Band da hinstellen und hinter uns steht ein Orchester und dudelt hinterher. So läuft das meistens. Sondern: Wir lassen ausschließlich das Orchester unsere Stücke spielen. Und zwar so, als wäre die Musik sozusagen im 19. Jahrhundert entstanden. Nur bei zwei, drei Stücken haben wir Overdubs von Seiten der Band gemacht, vom Schlagzeug oder mit Sequenzerlinien. Doch im Grunde ist das Orchester der alleinige Star dieses Albums. Wir waren wie Regisseure in einem Hollywoodfilm, als aktive Musiker treten wir diesmal, abgesehen vom neu aufgenommenen Gesang, nicht in Erscheinung. Da ist ein Album rausgekommen, wie es das bisher in Alphavilles Geschichte noch nicht gegeben hat – angetrieben von dieser Strategie, dass wir ausschließlich Komponisten und Arrangeure sein wollten.

Das hat die Stücke stark verändert.

Ja, mit Ausnahme von den drei weißen Elefanten, wie wir sie nennen: „Forever Young“, „Big In Japan“ und „Sounds Like A Melody“. „Forever Young“ hatte schon immer diese sinfonische Tendenz, das war eine kurze Wegstrecke bis zu seiner orchestralen Umsetzung. Endlich konnten wir den Trompetensatz mit akustischen Instrumenten aufnehmen. Der stammte in der Originalaufnahme von einem Arp Odyssey und ist eigentlich vom Tempo her nicht spielbar für menschliche Interpreten. Die Triller sind viel zu schnell. Doch die Trompeter vom Babelsberger Filmorchester haben einen super Job gemacht. Die Wirkung der anderen Stücke aber hat sich teilweise beträchtlich verändert, das war ja auch Hauptziel der Produktion. Sie haben immer noch ihre Seele, aber der Fokus liegt woanders. Und das passierte durch die Gewalt dieses Orchesters! „Dance With Me“ zum Beispiel ist abgedriftet in so eine balladeske Melancholie. Da spielen nur ein paar Geigen und Celli mit einem Klavier. Das ist ein unendlich trauriges, verlorenes Lied geworden.

Hätten Sie sich das in den 80ern träumen lassen, dass Sie das mal mit Orchester machen?Bei „Lassie Come Home“ war das tatsächlich so, dass wir das von Anfang an geplant hatten. Ein Intro mit vier Leitmotiven! Anderthalb Minuten rein instrumentale Musik, bevor der Gesang einsetzt. Dafür musst du ernsthafte Gründe haben, weil das gegen ein paar eherne Gesetze der Popmusik verstößt. Aber es hat funktioniert. Es ist eines der beliebtesten Stücke bei Alphaville-Fans. Und nun hatten wir die Möglichkeiten – technisch, finanziell, mit einem exzellenten Orchester. Nun konnten wir das Ding so aufnehmen, wie es ursprünglich geplant war.

„Wer ist denn so bescheuert?!“

Wenn Sie sagen „wir“: Aus der Gründungsformation von Alphaville schied Frank Mertens schon 1985 aus. Und auch Bernd Lloyd ist nicht mehr dabei.

Bernd ist seit 2001 nicht mehr dabei. Wir sind nach wie vor dicke Freunde, aber er hat sich, wie davor schon Frank und Rick, anderen Projekten zugewandt. Ich hab mich offen gestanden manchmal ziemlich einsam gefühlt ohne sie. Aber die Menschen, die jetzt mit mir Alphaville bilden, sind teilweise seit über 20 Jahren mit dabei – länger als alle früheren Gründungsmitglieder außer mir. Und ich alleine hätte das auch nie stemmen können über all die Jahre.

Drei weiße Elefanten haben Sie eben Ihre größten Hits genannt. Es gibt ja Bands, die keinen Bock mehr haben, ihre größten Hits zu spielen.

Was sind denn das für Typen?! Wer ist denn so bescheuert?! Alle Künstler, die ich bewundere, haben kein Problem damit, ihre größten Hits zu spielen, von „Hotel California“ bis „Satisfaction“. Sicher würde David Bowie auch noch „Heroes“ und „Let’s Dance“ spielen. Das sind doch die größten Geschenke an unsere Fans. Wer steht denn nicht mehr hinter seinen Songs? Außer man hat ihn von der Plattenfirma aufs Auge gedrückt bekommen. Dann kann ich das noch verstehen. Ich habzum Beispiel „Sounds Like A Melody“ eine Zeitlang sehr gehasst. Bei unserem ersten Plattenvertrag war klar, dass als erste Single „Big In Japan“ veröffentlich wird und danach „Forever Young“. Dann passierte mit „Big In Japan“ etwas, das keiner erwartet hatte: Sechs Wochen nach Release war das Lied fast überall Nummer 1 in Europa.

Eigentlich toll.

Das ging viel zu schnell für die ganze Planung. Da hatten wir echt ein Problem: Wir mussten schnell mit der nächsten Single kommen, aber wollten „Forever Young“ als Ballade erst im Herbst veröffentlichen. Die Plattenfirma-Leute meinten: „Ihr wisst doch, wie man Hits schreibt. Könnt ihr nicht mal schnell noch einen raushauen, damit wir über den Sommer kommen?“ Was haben wir gesagt? „Ja klar, machen wir! Ist doch ganz einfach.“ Das fühlte sich alles an wie ein Computer-Spiel. Diese ganze Erfolgstory lief für uns ab wie ein Film. „Sounds Like A Melody“ haben wir an einem Nachmittag geschrieben. Drei Wochen später kam das Ding raus und wurde ein Hit. Das ging wie von selbst. Live spielen dagegen war ne ganz andere Sache.

Inwiefern anders?

In den 80ern gabs keine Alphaville-Konzerte, weil wir dafür viel zu schlecht waren als Instrumentalisten. Wir hätten natürlich mit Playback-Auftritten Stadien füllen können. Aber das kam für uns nicht in Frage. Wir fanden schon im Fernsehen dieses Vollplaybackgedöns abtörnend. Live aufgetreten sind wir erst ab 1993. Und da kam dann die Frage auf: „Warum spielen wir nicht auch ‚Sounds Like A Melody‘?“ Ich hasste diese Nummer. Die kam mir irgendwie verlogen vor. Die hatten wir ja eigentlich bloß für unsere Plattenfirma geschrieben, aus niederen Beweggründen sozusagen. So kam mir das zumindest vor. Dann haben wir es aber doch ausprobiert – und ich hatte einen Mordsspaß. Weil es eben trotz allem ein geiles Stück ist.

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Author: Neely Ledner

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